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Raum für Prozesse

  • Autorenbild: Cory
    Cory
  • 31. Juli 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Oktober 2024


Normalerweise schreibe ich direkt auf dem Computer. Heute hat mich das Papier gerufen. Mit Bleistift setze ich an, knüpfe an die Gedanken von gestern an. Vielleicht verändere ich das ein oder andere im Anschluss beim Abtippen.

 

In Erzählungen hält mich oft mein Anspruch auf Vollständigkeit zurück. Ich versuche linear geordnet die Ereignisse wiederzugeben und dabei nichts zu übergehen und auszulassen. Das führt dazu, dass mein Erzählen oft sehr lang wird. Ich glaube, niemand möchte langen Erzählungen zuhören. Am liebsten soll alles schnell und klar auf den Punkt gebracht werden. Ich selbst liebe es, die Essenz zu erspüren und zu vermitteln. Doch sie zu destillieren bedarf oft Zeit.

 

Ich denke mir dann, das wird niemand lesen wollen und frage mich, ob es überhaupt zu verstehen ist. Machen meine Worte Sinn?

 

Das freie Schreiben ist ein Prozess, und ich meine ein sehr wertvoller. Loszulassen von dem Druck der Überzeugung, dass es kurz und knapp und schnell ersichtlich und zu verstehen sein soll - das ist für mich nicht einfach, und doch vielleicht genau das, was ich gerade brauche. Mich loszulösen von der Sorge, es wird niemand lesen, dem Zweifel, wer braucht das schon, der Befürchtung, damit Menschen zu verscheuchen. Doch bin das alles ich. ich möchte nicht Teile verstecken, weil sie gegen irgendwelche fremden Regeln gehen, jemandem nicht gefallen könnten, ja gar negativ aufstoßen könnten.

 

Und so schreibe ich heute mit Bleistift auf Papier, lasse meine Gedanken und Gefühle zu Worten werden und bitte meine Hand, sie durch ihr Schreiben sichtbar werden zu lassen.


Manchmal wünsche ich mir, dass ich ein Diktiergerät hätte, dass meine Gedanken aus meinem Kopf für mich aufnimmt. Denn oft finden sie nicht schnell genug den Weg durch meinen Körper bis auf den Bildschirm oder ein Blatt. Ich bewege sie in mir, und sie bewegen mich. Manchmal lähmen sie mich. Manchmal lassen sie mich verzweifeln. Manchmal erfüllen sie mich mit so tiefem Glück und Dankbarkeit, dass ich immer wieder aufs Neue überrascht bin, welche Tiefen und Nuancen spürbar sind.

 

Wir brauchen Raum, wir brauchen Zeit. Wir brauchen Räume, im Innen und im Außen, für Prozesse, für unsere Gedanken und Gefühle. Zum Bewegen und zum Innehalten. Für Rückzug und zur Innenkehr. Für gemeinsames Sein und ganz bei uns selbst Sein. Wir brauchen Raum und Räume für Schmerz, für Trauer und für Wut - für Freude, für Hoffnung und Zuversicht. Das eine schließt das andere nicht aus. Das eine geht mit dem anderen Hand in Hand.

 

Wir müssen lernen, mit dem Unangenehmen sein zu können statt es sofort wegzuschieben oder runterzudrücken, auch wenn das manchmal überlebenswichtig sein kann. Der gestrige Tag hat das wieder klar für mich gezeigt. In den Terminen in der Praxis ging es um gesehen werden und Raum bekommen, um die gestohlene Fähigkeit fühlen zu können, um Verantwortung verstehen, sie zu übernehmen und zuzutrauen. Und all das brauchte Raum, und auch Halt.

 

Manchmal können wir Antworten finden. Manchmal gehen Menschen bei mir mit mehr Fragen raus als wie sie kamen. Manchmal dürfen sich Dinge lösen und neue Erkenntnisse entstehen. Manchmal reißen wir Pflaster ab, von denen wir noch nicht mal etwas wussten. Manchmal darf tiefe Heilung geschehen. Im Schmerz und auch in der Leichtigkeit.

 

Ich habe gestern zwei Menschen, die durch einen sehr tiefen Prozess gegangen sind, der mit einigen Schmerzen verbunden war, mit einem Lächeln gefragt: "So, wie erkläre, wie beschreibe ich das jetzt für andere?" Sie lächelten zurück und sagten nur "Keine Ahnung" und zuckten die Schultern. Und die eine fügte hinzu, "Ich weiß selber nicht, was gerade hier passiert ist."

 

Dieser Raum ist heilig. Dieser Raum hält. Dieser Raum bringt Dinge hervor. Dieser Raum kann heilen. Alles und immer zu seiner Zeit. Darüber habe ich keine Kontrolle.

 

Ich danke dir fürs Lesen.

 

Von Herzen,

Cory

 
 
 

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